Friedliches Scheiden……

Eine Illusion oder ein gangbarer Weg?

Anita Schälin, SDM Mediatorin

 Wenn sich ein Paar zu einer Scheidung entschliesst, haben sowohl Mann als auch Frau schon viele schmerzhafte Momente durchlebt. Mit Adjektiven wie schmerzfrei, konfliktfrei und verlustfrei kann wohl keine Scheidung beschrieben werden und friedlich wird es auch nicht immer zugehen. Doch wenn wir den Blick auf geschiedene Paare werfen, können durchaus friedliche Beziehungen «Nach-dem-Scheiden» wahrgenommen werden.

Die Grundlage für einen einigermassen konstanten Frieden nach der Scheidung wird während der Trennung und vor allem während dem Scheidungsprozess gelegt. Hier liegt meines Erachtens die Chance der Weichenstellung. Jedes Paar steht vor der Entscheidung, wie sie die Ausarbeitung der bevorstehenden Scheidungskonvention angehen. Entschliessen sich «Noch-Eheleute» für eine Mediation, um die Scheidungsvereinbarung in gegenseitigem Einvernehmen auszuarbeiten, legen sie eine gute Grundlage für eine friedliche Eltern- oder Expartnerbeziehung.

Stehen Entscheidungen für noch minderjährige Kinder an, ist eine der grössten Herausforderungen, dass die Scheidenden es schaffen, von der Partnerrolle (oft verletzt, enttäuscht und wütend gegenüber dem Partner oder der Partnerin) in die Elternrolle (Schutz und Fürsorge und ein gutes Umfeld für die Kinder schaffen) zu gelangen. Beide Rollen dürfen gelebt werden, doch entscheidend ist, wann welche Rolle dominiert und gezeigt wird. Schaffen es die Eltern im Zusammensein mit den Kindern in ihrer Elternrolle zu bleiben, umso mehr Stress ersparen Sie den Kindern. Die Kinder brauchen Vater und Mutter.

In meinen Scheidungsmediationen kann es emotional hergehen, Parteien weinen, streiten und alte Verletzungen kommen noch einmal hoch. Mann und Frau verhandeln und stehen für sich selber ein. Doch sie werden auch immer wieder aufgefordert die Position des anderen oder der Kinder einzunehmen und im Sinne von diesen ihre eigene Sichtweise zu überdenken. Nach kürzerer oder länger Zeit liess sich bis jetzt immer eine Einigung finden, welche für beide Seiten stimmte. Eine Scheidungskonvention wird erst abgeschlossen und dem Gericht eingereicht, wenn beide Personen diese als fair und stimmig empfinden, andernfalls wird nach anderen Lösungen und Optionen gesucht.

Ein Paar, um die fünfzig, verwarf x-Mal mögliche Lösungen. Wir gingen wieder zurück, ergründeten Bedürfnisse, welche noch nicht berücksichtigt worden waren und suchten neue Möglichkeiten. Nach insgesamt 12 Sitzungen und drei weiteren mit der Treuhandfachperson hatten wir die Konvention zusammen. Bei einem Paar mit schulpflichtigen Kindern konnte eine Betreuungslösung vereinbart werden, welche über den «nur richterlichen Weg» nicht möglich gewesen wäre. Es hätte die Privatsphäre der anderen Partei zu stark tangiert.

Ob Elternbeziehungen nach der Scheidung immer friedlich sind, kann ich nicht sagen, doch die Parteien in meiner Praxis sind stets bemüht, eine bestmögliche Ausgangslage zu schaffen damit die Bedürfnisse der Kinder im Zentrum bleiben.

Eine Scheidung ist immer ein Verlust und ist mit Trauer und Loslassen verbunden. In finanzieller Hinsicht bedeutet es meist eine Einschränkung der bisherigen Situation. Der Inhalt der Scheidungskonvention kann jedoch in einer Mediation mitbestimmt werden und die Scheidenden haben den Prozess selber in der Hand. Ich als Mediatorin begleite und strukturiere ihn, verschriftliche und stelle sicher, dass die möglichen Handlungsspielräume eingehalten, von beiden Parteien als gerecht und fair wahrgenommen werden und umsetzbar sind. Gewisse rechtliche Vorgaben sind zwingend einzuhalten (Pensionskasse, Vorsorgeersparnisse, Sorgerecht der Kinder, Beziehungsrecht) und die güterrechtliche Auseinandersetzung lagere ich bei grösseren Vermögenswerten aus. Manchmal ist auch die Zusammenarbeit mit weiteren Fachpersonen angebracht.

Bei allen Bemühungen sich friedlich scheiden zu lassen, begleite ich auch sehr gerne Paare, die in eine Paar- Mediation in Form einer Prävention kommen. Ein präventiver Tipp für das erhalten einer langjährigen Beziehung, welcher mir eine Mediandin mit auf den Weg gab, teile ich an dieser Stelle gerne mit Ihnen: «Verbringen Sie gemeinsam Zeit mit Ihrem Partner*in. Falls zu wenig gemeinsame Interessen vorhanden sind, wechseln Sie aus beiden Interessebereichen ab. Und Probleme ansprechen und früher gemeinsam Unterstützung in Anspruch nehmen.»

Gutes Sterben oder was Sterbende bereuen!

Theddy Frener, SDM-Mediator

Vor nicht langer Zeit las ich in einer Konsumentenzeitschrift unter dem Titel «Was Sterbende bereuen» von der Australierin Bronnie Ware die im Zusammenhang mit ihrer Glücksforschung und als Palliativpflegerin todkranke Menschen auf ihrem letzten Weg begleitete. Sie sprach mit ihnen darüber, ob sie ein gutes Leben hatten. Überraschend oft bekam sie zu hören, dass die Sterbenden gerne anders gelebt hätten. Die Erkenntnisse veröffentlichte sie im Buch «Fünf Dinge die Sterbende am meisten bereuen».

«Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben.»

«Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet».

«Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken.»

«Ich wünschte mir, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrechterhalten.»

«Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt glücklicher zu sein».

Ich meine, dass diese Punkte zum Beispiel wie folgt ergänzt werden könnten:

«Ich wünschte, ich hätte den schon lange andauernden Zwist mit meinen Geschwistern, Kindern, Nachbarn usw. noch bereinigen können.»

«Ich wünschte, ich hätte mich in Familienangelegenheiten nicht immer so stur verhalten.»

«Ich wünschte, ich hätte die Planung meiner Nachfolge schon früher an die Hand genommen.»

«Ich wünschte, ich hätte im Umgang mit meinen Mitmenschen mehr Kompromissbereitschaft gezeigt.»

Ich höre ab und zu in meinem privaten Umfeld, dass der Vater oder die Mutter nicht sterben, nicht loslassen konnte. Wir wissen nicht was sie oder er noch nicht aufgearbeitet hat. Das habe ich auch bei meinem sterbenden Vater erlebt. Er musste in seinem Leben etwas Tiefgründiges erlebt haben, das er bis zur letzten Minute nicht verarbeiten konnte. War es ein alter Konflikt? Ein Erlebnis aus der Kindheit? Vielleicht können wir es erahnen, erfahren werden wir es wohl nie genau.

In einer Tageszeitung las ich letzthin eine interessante Kolumne zum Thema «Gutes Sterben». Der Verfasser, Eugen Koller, kath. Theologe aus Luzern meinte dazu: «Es trifft zu, dass einem guten Leben auch ein gutes Sterben folgt.» «Palliativmediziner*innen betonen, dass ein gutes Sterben vielfach damit zusammenhängt, ob der sterbende Mensch das Gefühl hat, dass sein Leben erfüllt war, dass es in Ordnung war.» Er schreibt dann auch weiter, was die sterbenden Menschen wohl am meisten bedauern. Nicht so überraschend kommt hier die Aussage, dass viele Menschen bedauern, dass sie gegenüber ihren Mitmenschen nicht so gehandelt haben, wie sie selbst hätten behandelt werden wollen. Das ist ein enorm wichtiger Punkt, der uns auch in der Mediation immer wieder beschäftigt. Menschen sind oft gegenüber Konfliktpartner*innen verletzend und verurteilend, was sie selbst jedoch als ehrlich und direkt beschreiben. Das Gegenüber kann im Moment gar nicht angemessen reagieren.  Erst zu einem späteren Zeitpunkt haben wir die Gegenargumente bereit mit denen man hätte entgegnen können.   Meistens vertragen Menschen, die sehr direkt sind, keinen Widerspruch des Gegenübers, geschweige denn, die gleiche Direktheit, die sie selbst als richtig empfinden.

Für mich persönlich war es auf jeden Fall eine heilsame Erfahrung als mich in jungen Jahren ein guter Freund einmal darauf angesprochen hat, ob ich auch so viel ertragen könnte, wie ich im Stande sei auszuteilen. Diesen Hinweis habe ich nie vergessen und dementsprechend habe ich auch mein Verhalten angepasst. Also sprechen sie solche Empfindungen unbedingt frühzeitig an, am besten in einem unbeschwerten Moment, der keinen Bezug zum Streitgespräch hat.  Sie stehen einerseits für Ihre eigenen Bedürfnisse ein, anderseits geben Sie der anderen Person die Chance, automatisiertes Verhalten sichtbar zu machen und sich so zu verändern, dass sie sich gegenüber Menschen so verhalten, wie sie gerne selbst behandelt werden möchten. Eine Mediation wäre auch hier präventiv eine Möglichkeit, da unbeachtete Bedürfnisse irgendwann zu erhärteten Konflikten führen können.

Gerne schliesse ich mit den Worten von Eugen Koller:

«Wer nicht zu seinen Gefühlen stehen kann, das Leben nicht im Hier und Jetzt bewusst gestaltet und achtsam ist und wenig auf gute Freundschaften baut, erkennt am Ende des Lebens, Wichtiges verpasst zu haben. Ob wir zufrieden loslassen und sterben können, haben wir auch in unseren Händen».

Ich freue mich auf Ihren Anruf oder Ihre Kontaktaufnahme.

Hilfe, ich ertrinke…     … Jetzt gilt es die richtige Schwimmhilfe zu finden!

Silvia Kiser Küchler, SDM-Mediatorin

Natürlich hoffe ich, dass Sie dieses Gefühl NICHT kennen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie entspannt in einer Hängematte schaukeln, auf einem Stand Up Paddle aktiv sind oder eine Fahrt auf einem Kursschiff geniessen. Alles in sicherer Distanz zum Wasser oder mit dem nötigen Zubehör wie Rettungsweste, Seesack und Flossen. So, dass Sie schöne und unbeschwerte Sommermomente erleben.

Manchmal ist diese Harmonie leider von kurzer Dauer. Abgründe öffnen sich und wie ein Seeungeheuer aus der Tiefe steigt, nehmen plötzlich unangenehme Gedanken überhand. Es können unausgesprochene Themen sein, welche unaufhaltsam bedrohlich die harmonischen Bilder am See überdecken.

Oft sind es Konflikte, welche wir nicht gewagt haben anzusprechen, vielleicht mit Menschen, denen wir nicht täglich begegnen, somit ausweichen können, um vermeintlich alles ruhen zu lassen. Genau im Moment der Idylle, können sie dann unseren inneren Frieden stören, ziehen uns herunter in einem Strudel von destruktiven Gedanken.

Warum wagen wir es oft nicht, Menschen direkt zu konfrontieren, wenn sie uns verletzt haben?

Im Stolz getroffen ziehen wir uns zurück, denken den Konflikt innerlich lösen zu können und merken nicht, dass dieser immer wieder auftaucht und unseren Alltag negativ beeinflusst.

Ich erinnere mich an einen Mann nahe dem Pensionsalter, welcher mir von seinem Ärger mit seinem Arbeitsteam erzählte. Die Chemie stimmte nicht. Auch seine Chefin anerkannte seine innovativen Ideen für den Betrieb nicht.  Er schluckte seinen Groll hinunter, weil er es nie gewagt hatte die Themen direkt mitzuteilen. Enttäuscht zog er sich zurück und schlitterte vor seiner Pension in eine tiefe Krise.

Beim Ertrinken ist es klar, dass wir sofort nach Hilfe rufen. Wir haben keine andere Wahl. Mit allen Mitteln und Sinnen machen wir uns bemerkbar. Bei Konflikten ist es nicht einfach früh genug Hilfe zu holen, denn wir müssen zuerst erkennen, dass wir uns in einer Sackgasse befinden. Als Außenstehende ist es wiederum schwierig Hilfe anzubieten, da es als Einmischung oder Aufdrängen empfunden werden kann. Ist jedoch das Problem erkannt und es muss schnell eine Lösung her, gibt es gute Methoden.

Kennen Sie die Kurzzeitmediation?

Bei dieser Form der Mediation werden in nützlicher Frist Lösungen ausgearbeitet. Einzelne Vorgespräche mit gezielten Fragen und schriftlichen Vorbereitungen helfen dabei. Natürlich immer vorausgesetzt, alle gestehen sich den Konflikt ein und sind bereit aktiv etwas zu verändern.

Gerade in der heutigen Idylle am Sarnersee habe ich den Entschluss gefasst, mit der Klärung einer persönlichen Angelegenheit vorwärtszumachen. Ich habe mich bis anhin sehr schwer getan Hilfe zu holen. Zum Glück kenne ich Fachpersonen und muss nur noch die geeignete Person auswählen und selbst aktiv den nächsten Schritt wagen.

Die Vorstellung zu ertrinken ist bitter. Holen doch auch Sie Hilfe, bevor Ihnen das Wasser bis zum Hals steht. Bestimmt ist ein Rettungsring in der Nähe, um ans sichere Ufer zu gelangen. Schauen Sie herum und verlieren Sie keine kostbare Zeit. Nutzen Sie die unbeschwerte Sommerzeit, um Veränderungen anzudenken, wenn Sie etwas stark beschäftigt oder gelöst werden soll. Der Herbst wird kommen und damit auch die Zeit der Einkehr und längeren Nächte.

Doch jetzt heisst’s:  Schiff ahoi!

Ich begebe mich gerade auf den Seestern, um meine Perspektive zu wechseln und einfach dahinzugleiten und die Rundumsicht zu geniessen. Wechseln auch Sie ab und zu Ihren Fokus!

Nach der Pensionierung erst recht!

Theddy Frener, SDM-Mediator

Lebenserfahrene Menschen sehnen sich danach, ihren Lebensstil nach der Pensionierung so zu verändern, dass langersehnte Wünsche möglich werden. Sie freuen sich auf mehr Gelassenheit, Musse und den Tag so zu gestalten wie sie sich das früher immer gewünscht haben. Zählen Sie zu diesen lebenserfahrenen Menschen? Haben Sie, falls Sie in einer Partnerschaft leben, den angedachten neuen Lebensstil Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner mitgeteilt, darüber gesprochen und Veränderungen gemeinsam geplant? Freuen Sie sich beide auf die Zeit nach der Pensionierung?

Es kann vorkommen, dass der pensionierte Mann bereits in der ersten Woche seiner Partnerin eröffnet, dass heute ein wunderbarer Tag für eine Wanderung sei. Überrascht über dieses unverhoffte Ansinnen reagiert die Partnerin mit einem klaren «nein, das geht jetzt nicht.» «Heute habe ich meinen Frauen-Jassnachmittag.» «Schon immer war der Mittwoch mein Frauentag, das weisst du doch.» Seine Reaktion ist natürlich gereizt und es beginnt eine unnötige Diskussion darüber, ob sie nun wirklich heute bei diesem Sonnenschein nicht einmal das Jassen lassen könne. Meistens enden solche Diskussionen in einem Streit und man geht völlig verärgert auseinander. Für sie wird dieser Tag in schlechter Erinnerung bleiben und falls er trotzdem alleine auf eine Wanderung geht, wird er sich nicht so recht an diesem Ausflug freuen können. Bestimmt könnten hier unzählige weitere Beispiele angefügt werden, die zu unnötigen Spannungen und Frust in der Beziehung führen.

Es gibt verschiedene Wege, beschriebene Situationen zu vermeiden. Eine davon wäre, die Frage, «Wie gestalten wir den Alltag nach der Pensionierung gemeinsam?» frühzeitig ebenfalls gemeinsam anzugehen. Es gibt in der Pensionsvorbereitung nicht nur finanzielle Aspekte, die gelöst werden müssen. Nein, es sind die sogenannt kleinen Dinge des Alltags die Mühe bereiten. Es ist immer wieder betrüblich zu hören, dass Paare, die sich fast das ganze Arbeitsleben lang gut verstanden haben, nach der Pensionierung den «Rank» miteinander nicht mehr finden. Trennungen nach der Pensionierung sind nicht so selten. Oft kommt bei einer Trennung die Erkenntnis, wie sehr man doch den anderen vermisst. Wo immer noch ein Funke Liebe vorhanden ist, lohnt es sich die weiteren Schritte für eine harmonische gemeinsame Zeit nach der Pensionierung zu thematisieren. Es gibt viele Wege und praktische Ansätze wie man wieder zueinander findet. Dazu gehört sicher der Wille miteinander die gegenseitigen Bedürfnisse anzusprechen. Es ist normal, dass es zu Spannungen kommen kann, wenn der Mann (oder vielleicht die Frau) von einem Tag auf den anderen zu Hause ist und versucht den Tagesablauf der Frau (oder des Mannes) zu verändern. Der Tages- und Wochenablauf, der sich über die vergangenen Jahre so aufgebaut hat.

Eine sehr einfache mögliche Lösung ist, miteinander zu sprechen. Steht bei Ihnen die Pensionierung schon bald bevor? Nutzen Sie dieses Zeitfenster und sprechen Sie darüber, wie Sie dem Tagesablauf nach der Pensionierung eine neue Struktur geben könnten.

Geniessen Sie bereits die Pensionierung und kommen Ihnen hier beschriebene Themen bekannt vor? Auch dann ist es nicht zu spät, schwierige Themen anzusprechen. Sollten Sie Mühe bekunden mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin solch Konfliktgeladenes zu besprechen, dann scheuen Sie sich nicht, Unterstützung zu holen. Eine Aussenansicht kann manchmal sehr hilfreich sein.

Sprechen Sie auch mit Gleichgesinnten und Sie werden bald feststellen, dass Sie mit Ihren Problemen nicht allein sind.

Stillstand nach dem ersten Anruf

Der erste Anruf ist gemacht und nun wie weiter?

Anita Schälin, SDM Mediatorin

Wir wissen, wie viel Überwindung es braucht, etwas Unangenehmes anzugehen. Zudem erscheint uns der Zustand nicht immer gleich schwer. Manchmal nehmen wir die Situation als nicht so schlimm wahr, dann sieht es so aus, also ob sich alles wieder einpendelt oder wir reden uns selbst gut zu, nicht über zu reagieren oder noch etwas abzuwarten. Immer sind andere Personen mitbetroffen. Die Situation wird nicht von allen gleich empfunden oder eingeschätzt. Der eine befürchtet etwas zu verlieren, die andere müsste allenfalls etwas verändern.

Irgendwann entscheidet eine Partei, so geht es nicht weiter. Sie sucht sich eine stimmige Mediator*in, greift zum Hörer und macht den ersten Anruf. Dieser kann sehr entlastend sein, denn an dieser Stelle kann endlich die eigene Sichtweise an einer neutralen Person geschildert werden.

Auch wenn diese Handlung banal und unspektakulär erscheint, bedarf sie grosser Anstrengung und innerer Auseinandersetzung. Jetzt gilt es dran zu bleiben und sich nicht durch Widerstände und Unentschlossenheit der anderen Partei aufhalten zu lassen.

Folgende Szenarien habe ich bis jetzt erlebt:

-Es bleibt bei diesem ersten Anruf. Eine Mediation kommt nicht zu Stande. Gründe dafür kann ich nur erahnen. Ich gehe davon aus, dass die anderen involvierten Parteien nicht offen sind für eine Mediation, sich verweigern oder dass kein gemeinsamer Termin gefunden wird. Ein möglicher Grund kann natürlich auch eine andere Anlaufstelle sein. Vielleicht wurde eine Beratungsstelle gefunden oder der gerichtliche Weg wird eingeschlagen.

-Es folgt ein zweiter Anruf. Es wird mitgeteilt, dass eine Mediation nicht mehr nötig ist. Erstaunlich ist hierbei, dass ein Anruf bei einer Mediator*in bereits bei allen Beteiligten etwas in Gang setzt. Einsichten können hier passieren und Konflikte lösen sich in der Tat von selbst. Ich hatte kürzlich einen solchen zweiten Anruf und erfuhr, dass sich der Konflikt wie durch ein Wunder gelöst hätte. Ich freute mich sehr darüber und wir wünschten uns gegenseitig alles Gute. Auf ein Widersehen verzichteten wir😊.

-Die Person meldet sich wieder. Die Zeit zwischen dem ersten und dem zweiten Anruf kann zwischen Stunden und Monaten dauern. Zusammen wird ein Termin gefunden und die Mediation kann starten.

Der Stillstand nach dem ersten Anruf kann also durchaus positiv sein. Allzu oft wird jedoch der erste Flow unterbrochen und der Konflikt und die Belastung bleiben bestehen. An dieser Stelle empfehle ich, möglichst beim ersten Anruf mehrere mögliche Termine mit der Mediator*in zu vereinbaren. Steht ein Termin, ist die Chance grösser, dass es weiter geht. Mediationstermine können bekanntlich auch wieder abgesagt werde. Wenn mehrere Parteien involviert sind, starte ich mit denen, die bereit sind mitzumachen. Vielleicht kommen die fehlenden Personen später dazu oder die Aktiven bringen etwas in Gang, so dass alle in eine Veränderung kommen.

Können Sie die andere Partei nicht zu einer Mediation überzeugen, bleibt Ihnen noch die Möglichkeit alleine den Konflikt anzugehen. In diesem Fall spricht man eher von Beratung oder Coaching. Sie finden Mittel und Wege, wie Sie mit dem Konflikt umgehen oder für sich kleine oder grössere Veränderungen einleiten und umsetzen können.

Ein Mann, der einen Arbeitsplatzkonflikt hatte und die involvierte Person nicht für eine Mediation motivieren konnte, fand einen Weg, wie er mit diesem Arbeitsgspändli möglichst energieschonend umgehen konnte. Dafür investierte er zwei Mal eine Stunde Beratung.

Also, wenn Sie den ersten Schritt machen und eine Mediator*in kontaktieren, machen Sie auch den zweiten Schritt und vereinbaren Sie einen Termin. Wenn alle Stricke reissen, haben Sie die Möglichkeit, diesen alleine wahr zu nehmen um für sich eine Strategie zu finden. Die weiteren Schritte gehen dann fast von alleine…

Vom runden Tisch…

…der Gefahren mit sich bringt und verdeckte Chancen birgt!

Silvia Kiser Küchler, SDM-Mediatorin

Wir haben die Erwartung, dass der runde Tisch alles lösen kann.Doch ist es nicht oft dieser Tisch, der eckig und kantig daherkommt?Angriffsfläche und Zündstoff mit sich bringt?Warum sich das also antun?Wenn vielleicht Angst um Gesichtsverlust und hitzige Diskussionen abschrecken.

Angenommen, alle setzen sich gemeinsam an den Tisch solange direkter Augenkontakt noch möglich ist, die Späne noch nicht fliegen. Dann ist es um ein Vielfaches einfacher entspannt zu sein und mit Offenheit und Ehrlichkeit aufeinander zu reagieren.

Als Mediatorin ist es für mich jeweils ein erster Meilenstein, wenn alle Beteiligten zu einem ersten Gespräch bereit sind, sei es gemeinsam oder zuerst in Einzelgesprächen. Es zeigt die Bedeutung der Thematik und die Wertschätzung den anderen Personen gegenüber. Die Beteiligten stellen sich der Situation, auch wenn sie noch nicht wissen wohin das Ganze führt.

Im weiteren Prozess schaue ich als Mediatorin bewusst, dass alle zu Wort kommen, ihre Sichtweisen ausführlich schildern können und Gehör erhalten. Ich führe die Mediand*innen, indem ich offene Fragen stelle und alle Beteiligten zum Überdenken der eigenen Situation anrege. Es ist nicht so, dass ich die Lösung für das Problem kenne, diese liegt ganz allein in der Hand der Mediand*innen.

Ich steuere jedoch den Prozess in die Richtung einer alltagstauglichen Lösung, welche mit einer Vereinbarung abgeschlossen wird. Es geht dabei nicht um einen Kompromiss, sondern um eine konsensfähige Lösung. Beim Konsens gehe ich auf die Bedürfnisse aller Beteiligten gleichwertig ein und entwickle mit ihnen eine neue Lösung, welche im Dialog reifen kann und von allen getragen wird.

Leider sind diese runden Tische nicht harmonisch und bequem. Es ist mir wichtig, als Mediatorin die Zwischentöne und Störgeräusche zu hören. Die persönlichen Wahrnehmungen und Sichtweisen sollen vollumfänglich auf den Tisch kommen, ins Zentrum rücken und von allen Seiten beleuchtet werden. Im Erkennen der Welt des anderen kann der Kern der Lösung angepeilt und in ein für alle passendes Gefüge gebracht werden.

Immer vorausgesetzt; alle kommen an den Tisch und sind bereit ihre Stimme, laut oder leise, einzubringen. Denn es ist schwierig auszuhalten, wenn jeweils nur geraten werden kann, was die Beweggründe des anderen sein könnten. Haben wir unsere Kontrahent*innen mit unserem eigenen Verhalten verletzt?Ist die Weiterführung einer Beziehung nicht wichtig genug?Sind andere Gründe oder Sorgen der Ursprung des Disputs?

Das heisst auch, keine Chance zu bekommen, einen Beitrag zu leisten, sei es sich zu entschuldigen, eine Anerkennung auszusprechen oder eine sonstige Reaktion zu zeigen, dass sich etwas verändern kann.So möchte ich Sie ermuntern, Ihre Konfliktpartner*innen anzufragen zusammen an den Tisch zu kommen und einen ersten Versuch der gemeinsamen Betrachtung zu wagen. Hinzuschauen und hinzuhören – aktiv zu werden. Im Wissen, dass eine neutrale Person die Verantwortung für den Prozess übernimmt, können Sie sich auf sich selbst und Ihre Wahrnehmungen konzentrieren. Der runde Tisch ist in meinem Fall zwar kantig, doch zusammen mit allen Beteiligten in einer Runde ist es möglich, die schwierige Situation zusammen anzugehen und Kanten abzurunden und Unebenheiten zu glätten.

Ich freue mich auf Ihren Anruf oder Ihre Kontaktaufnahme.

Sind Chef*innen gute Mediatoren*innen?

Theddy Frener, Mediator SDM

Bestimmt ist es in Ihrem Betrieb schon vorgekommen, dass Sie als Chef*in festgestellt haben, dass zwischen zwei Mitarbeitenden «dicke Luft» herrscht. Vielleicht haben sich sogar zwei oder mehrere Mitarbeitende gegen eine ganz bestimmte Person gestellt oder Sie selbst sind Opfer einer solchen Situation geworden. Was machen Sie in einem solchen Fall? Abwarten und hoffen, dass sich die Situation wieder beruhigt? Vielleicht hat Ihr Mitarbeiter*in gegenwärtig private Probleme und die werden sich bestimmt wieder lösen. In vielen Fällen lösen sich hitzige Situationen tatsächlich von selbst und Ihre Entscheidung, zuzuwarten, war genau richtig. In anderen Fällen löst sich der Konflikt nicht und bei denen sind Sie als Führungsperson gefordert, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Interventionen zu veranlassen.

Meine Empfehlung als Mediator:

Sprechen Sie Spannungen zwischen Mitarbeitenden möglichst frühzeitig an. Bieten Sie ihnen Hilfe an. Ergreifen Sie die Initiative bevor es zu spät ist. Der Idealfall wäre natürlich, die direktbetroffenen Personen melden sich von sich aus bei Ihnen solange der Konflikt nicht zu stark eskaliert ist. Bleiben Sie auf jeden Fall allparteilich.

Pflegen Sie einen mediativen Führungsstil, begleiten Sie die Kontrahent*innen in der Erarbeitung von eigenen Lösungsvorschlägen zur Konfliktbehebung. Stellen Sie fest, dass Sie sich Gedanken machen, was dieser Konflikt für Ihren Betrieb für Auswirkungen haben könnte, wer von den beiden Streitenden für Sie unentbehrlich ist, sollten Sie Ihre Rolle als Konfliktberater*in reflektieren. Vielleicht ist das ein Zeichen, dass Sie externe Unterstützung annehmen müssen.

Ich kenne eine Arbeitnehmerin, bei welcher ein Konflikt im Team über zwei Jahre immer wieder im Vorgesetztenbüro diskutiert wurde. Es fanden einige Gespräche in den verschiedensten Formationen statt. Es wurde über Befangen- und Voreingenommenheit gemunkelt. Leider verpasste es der Chef, eine externe Begleitperson beizuziehen und es endete mit einer Kündigung ihrerseits. Dies kann durchaus eine Lösung sein und in diesem Fall war es für die betroffene Person eine Erleichterung. Der Betrieb läuft weiter, andere Personen haben ihre Aufgabe übernommen, doch das Team bleibt mit dem Gefühl des nicht getragen seins zurück. Es fühlt sich allein gelassen, nicht unterstützt und verunsichert.

Entscheidend für das Angehen von Konflikten ist Ihre Haltung. Als Führungsperson dürfen Sie sich fragen: «Was ist mir wichtig? Welche Werte vertrete ich? Welchen Spielraum und welche Kompetenzen habe ich? Auf alle Fälle können Sie mit einem mediativen Führungsstil, bei dem Sie die Interessen aller Beteiligten wahrnehmen viel zu einem guten Teamklima beitragen. Dies ist auf jeden Fall keine Frage des Geschlechts, sondern wie gesagt, Ihrer Haltung.

 

 

 

Das ist mir zu teuer!!!

von Anita Schälin, Mediatorin SDM

Lohnt sich eine Mediation überhaupt?

Frau oder Mann fühlen sich doppelt betrogen. Da ist zum einen der belastende Konflikt selbst. Der Kopf ist nicht frei und andere vergnüglichere Beschäftigungen haben das Nachsehen. Zählt man all die schlaflosen Stunden und die vielen Gespräche mit Beteiligten oder nicht Beteiligten hinzu, kann nachvollzogen werden, dass ein finanzieller Widerstand da sein muss. Warum für etwas so Unangenehmes auch noch bezahlen? Die Praxis jedoch zeigt, dass die Bezahlung selten zu Diskussionen führt. Der offene Betrag wird durch alle aufgeteilt und in der Regel schnell bezahlt.

Vielleicht dient der Widerstand eher als guten Grund, etwas nicht anzugehen. Wer kauft schon gerne die Katze im Sack? Zu Beginn einer Mediation oder Beratung ist der Ausgang offen, einvernehmliche Lösungen sind schwer vorstellbar und es gibt keine Garantie, dass eine Mediation auch wirklich erhofften Erfolg führt. Der finanzielle Wert einer Mediation lässt sich nicht berechnen, der Wert ist eher immateriell: Entlastend, befreiend, klärend. Kommen bei einem Konflikt Anwälte von verschiedenen Parteien ins Spiel, kann eine Mediation jedoch finanziell interessanter sein. Anstelle der Anwälte wird der Konflikt durch eine Vermittler*in geleitet. Mediator*innen begleiten und setzen auch Verträge, Trennungs- und Scheidungsvereinbarungen auf. Manche Rechtschutzversicherungen finanzieren Mediationen und Institutionen oder Stiftungen haben auf Anfrage auch schon die Kosten übernommen.

Ein mittlerer Konflikt von drei bis vier Sitzungen hat einen Wert von 700 bis 1000.- CHF. Der Preis orientiert sich am Schweizerischen Dachverband Mediation (SDM). Reich werden kann ich damit wohl kaum. Der Wert meiner Tätigkeit lässt sich jedoch immateriell aufwiegen: Interessant, abwechslungsreich, erfüllend.

Ob sich nun eine Mediation gelohnt hat, das können nur die Mediand*innen beurteilen. Mir wurde in einem Fall zurückgemeldet, dass durch die Gespräche mit der anderen Konfliktperson Bewegung in eine verstrickte Situation kam und sich Klarheit bildete. Der Frau wurde nach zwei Sitzungen bewusst, wie sie eine Situation nicht mehr haben möchte. Somit bestand die Lösung in der Trennung. Die Mediation wurde durch dies Entscheidung beendet. Ich kann also aus der Sicht als Mediatorin mit einem klaren Ja antworten.

Es lohnt sich definitiv, die Hürde des finanziellen Widerstandes zu nehmen und eine erste kostenlose Abklärung anzugehen.

Die Autorin, Anita Schälin ist dem Netzwerk Mediation im ländlichen Raum angeschlossen sowie im Verein Mediation Zentralschweiz. Um ihren Blick zu erweitern, arbeitet sie mit der Gruppe SDM Mediator*innen OW zusammen.

Von Schrittzählern und anderen Schritten…

von Silvia Kiser Küchler ,  SDM Mediatorin

Krisen zeigen uns, was Bestand hat. Gerade die Familie oder unsere persönliche Lebensgemeinschaft gewinnt an Bedeutung.

Was nützt mir jedoch mein kleines soziales Umfeld, wenn ich diese Gemeinschaft nicht als hilfreich, ehrlich und kommunikativ erlebe? Im Alltag haben wir den Schrittzähler, welcher uns daran erinnert in Bewegung zu bleiben. Mit Stolz erzählen wir gern, wenn wir auf dem Fitnessgerät mehr als die von der Physiotherapeutin verordneten Übungen schaffen. Doch sprechen wir auch über getane Schritte, wenn es um ein schwieriges Thema geht? Sind wir auch stolz, wenn wir etwas Heikles in unserem Umfeld angesprochen haben? Oder hadern wir vielleicht mit unserer Aktion, weil das Gegenüber mit einem Vorwurf reagiert hat? Warum bewegen wir uns gerade in Familiensituationen wenig aufeinander zu, lassen Alltagsgespräche ins Leere laufen oder ignorieren Zeichen der Unzufriedenheit? Sicher ist es einfacher abzuwarten, oder ins Büro zu flüchten, als verletzte Gefühle anzusprechen.

Gerade in der jetzigen Zeit sind wir gefordert, weiter zu denken und innert kurzer Zeit innovative Lösungen in Beruf und Alltag zu finden. Es gilt Mauern im Kopf zu öffnen. Leicht umsetzbar ist es, eigenes Brot zu backen, Waldkonzerte mit den Kindern zu veranstalten und neue Spazierwege in der näheren Umgebung zu entdecken. Schwieriger wird es in unsere Gesprächskultur zu investieren und festgefahrene Muster zu durchbrechen. Warum nicht gerade jetzt einen bewussten Schritt machen und Unterstützung bei einer Mediatorin holen? Hören wir auf, uns mit nach aussen sichtbarer Harmonie der Nachbarn verrückt zu machen. Mit gegenseitigem Respekt darf doch auch laut diskutiert, Klartext geredet und gestritten werden. So bleiben wir beweglich, lebendig und ehrlich.

Neulich habe ich eine ältere Frau getroffen, welche sehr gelitten hat unter der Funkstille während des Lockdowns im Frühling. Es herrschte Funkstille mit ihrer ältesten Tochter, welche auch schon fast im Rentenalter ist. Nicht geklärte Themen haben sich über Jahre zu einem Schweigen ausgedehnt und türmten sich zu einem unüberwindbaren Berg. Um sich dem Berg anzunähern hat die ältere Dame eine Mediatorin als Vermittlerin beigezogen. Zuerst klärte sie ihre eigenen Fragen und machte dann einen aktiven Schritt auf die Tochter zu. Und siehe da, die Tochter hat gerade diesen ersten Schritt als sehr starkes Zeichen von Ernstgenommen werden, positiv gedeutet. Es ist daraus keine neue Wohngemeinschaft entstanden, jedoch Interesse füreinander und für die versteckten Bedürfnisse. Auf dem gemeinsamen Weg haben beide gegenseitig Anerkennung erhalten. Die alten Verletzungen von jahrelanger Kritik wurden nicht mehr mit Rückzug, Verdrängen und Groll quittiert, sondern mit einer Mediatorin als Wanderleiterin angegangen. Es haben sich neue Wege geöffnet, um sorgsamer aufeinander zuzugehen und miteinander in die Ferne zu blicken. Erwartungen wurden relativiert oder losgelassen. Bei der eingelegten Rast konnten immer wieder Anhaltspunkte für Veränderungen gesammelt werden.

Solche, zum Teil unter grosser Anstrengung gemachten Schritte, werden auf dem Schrittzähler nicht angezeigt und die Physiotherapeutin kann damit auch nicht viel anfangen. Und doch gehören sie auf das Konto der Fürsorge um ausgeglichen und zufrieden ein reifes Alter zu erreichen. Schritte, auf die Sie stolz sein dürfen.

Die Autorin, Silvia Kiser Küchler ist Co-Präsidentin, Mediation im ländlichen Raum und Vorstandsmitglied im Verein Mediation Zentralschweiz. Um ihren Blick zu erweitern, arbeitet sie mit der Gruppe SDM Mediator*innen OW zusammen.

Geld und Liebe auf dem Hof: So entschärfen Obwaldner Mediatoren Konflikte

Das Mediatoren-Team von Anita Schälin, Silvia Kiser und Theddy Frener wird dann gerufen, wenn es brenzlig wird. Gefragt sind die drei auch in der Landwirtschaft. Ein Einblick.

Eine junge Frau, nennen wir sie Erika Meyer, traut ihren Augen nicht: Als sie an einem herbstlichen Freitagabend von ihrer Arbeit auf einen Hof in Obwalden zurückkehrt, hat jemand das Unkraut in ihrem Garten bereits gejätet. Eigentlich könnte sie froh sein. Doch Erika stürmt entrüstet in die heimelige Stube, wo Ehemann und Bauer Hans Meyer sie bereits erwartet. «Schätzli, es hed no Birresaft und Alpchääs», sagt er. Doch Erika Meyer mag nicht mehr auf die Schönwetter-Stimmung eingehen. «Wer hat in meinem Garten gewütet», fragt sie sichtlich ausser sich. Hans Meyer knallt seine Fäuste so stark auf den Tisch, dass der Birnensaft zu Boden fällt und der Krug zerbricht. Er stürmt aus der Stube. Erika Meyer vermutet bereits, wer ihr die Arbeit weggenommen haben könnte: Zur Rache füllt sie die Stiefel der Mutter von Hans Meyer mit Wasser. Eine Woche später klopfen die drei an den Türen der Obwaldner Mediationsberatung Kiser an – so oder ähnlich könnte sich ein Hofkonflikt zugetragen haben, bei dem das Mediatoren-Team von Anita Schälin, Silvia Kiser und Theddy Frener involviert sein würde. Die in Obwalden ansässigen Mediatoren betreiben eigene Büros und arbeiten bei manchen Konflikten eng zusammen.

Die Mediatoren Anita Schälin, Silvia Kiser und Theddy Frener entschärfen auf Obwaldner Höfen Konflikte.

Die Mediatoren Anita Schälin, Silvia Kiser und Theddy Frener entschärfen auf Obwaldner Höfen Konflikte.

Bild: Christian Tschümperlin (Sarnen, 17. November 2020)

«Generationenkonflikte auf einem Hof sind keine Seltenheit», lässt Silvia Kiser durchblicken. Es gäbe zwar viele junge Frauen und Männer, die ein Leben auf dem Hof bewusst wählten und dieses auch suchten. «Aber es ist nicht nur eine heile Welt. Das Zusammenleben und Arbeiten ist sehr anspruchsvoll, wie auch in anderen Familienunternehmen.»

Das Bauernleben gestaltet sich anspruchsvoll

Mediatoren sind nicht nur auf den Höfen gefragt: Einsatzgebiete sind Beziehungsprobleme aller Art, ob in der Familie oder bei der Arbeit, ob alt oder jung. Die Mediatoren beobachten gerade bei der jungen Generation eine Offenheit, Konflikte frühzeitig wahrzunehmen und anzugehen und dafür auch Unterstützung wie eine Mediation in Anspruch zu nehmen. «Auf einem Bauernhof kommt vieles zusammen, es ist komplex und man kann nicht ausweichen: Man lebt zusammen und verdient das Geld gemeinsam. Das ist eine Herausforderung, vor der ich meinen Hut ziehe», sagt Kiser.

Anita Schälin ist bei Hofkonflikten als Co-Mediatorin häufig mit dabei. Eine Mediation soll einen geschützten Rahmen des Austausches bieten und folgt einer klaren Struktur. «Emotionen haben Platz und je stärker sie zum Vorschein kommen, desto besser», sagt sie. «Manche Leute kommen mit grossen Listen voller Klagen.» Den Mediatoren geht es nicht darum, festzustellen, wer Recht und wer Unrecht hat. «Jeder hat seine persönliche Sichtweise und es gibt einen Grund, weshalb die Person eine bestimmte Position einnimmt. Wir wollen herausfinden, was dieser Grund ist.» Während des Prozesses werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet. Ist der Dialog erfolgreich, können auch gegenseitige Perspektivenwechsel der Parteien erfolgen.

Nicht immer liegt Win-win drin

Am Ende der Mediation steht häufig ein Mediationsvertrag und Ziel ist eine Win-win-Situation. «Bei einer Scheidung kann man jedoch nicht zwingend von Win-win sprechen, gerade mit Blick auf die neue finanzielle Situation. Ein Gewinn für alle bedeutet jedoch eine gute Elternbeziehung, welche durch eine Mediation begünstigt wird», sagt Schälin. Man wolle zwar das Bestmögliche für beide Parteien erreichen, aber dies könne auch bedeuten, dass man ein Arbeitnehmerverhältnis oder eine Beziehung auflöse.

«Es kann sein, dass man sich zu stark auseinanderentwickelt hat und man sich eingestehen muss, dass man nun verschiedene Projekte im Leben hat. Wichtig ist, dass man friedlich auseinandergeht.»

Oft sind aber auch ganz einfache Lösungen möglich. «Konflikte beginnen oft im Kleinen und wiegeln sich hoch, weil man nicht miteinander redet», sagt Theddy Frener. Im Falle des imaginären Beispiels mit der Mutter des Partners, die aus gutem Willen den Garten von Erika Meyer gejätet hat, kann sich Frener folgendes vorstellen: «Es hätte gereicht, wenn die Mutter einfach gefragt hätte, ob sie ihrer Schwiegertochter etwas Gutes tun und das Jäten übernehmen kann.» Mit dieser einfachen Regel liessen sich viele Konflikte entschärfen. «Reden, reden, reden und sich wertschätzen – es geht wirklich um nichts anderes», sagt er.

Weitere Informationen zur Mediation in der Landwirtschaft finden Sie unter: www.hofkonflikt.ch